Die frivole Hebammenschule

Es war Freitagnachmittag, als Karl-August Bromme und Ferdinand Schratmannsdörffer mit klebrig verschwitzten Gesichtern in die Taunus-Bibliothek stürmten.
„Alle Bildbände über heitere Mosaikmuster und isländische Butterblumen sind verliehen!“, warf ich den beiden, die völlig außer Atem waren und in deren Mundwinkel milchige Speichelreste schimmerten, entgegen.
„Reden Sie kein dummes Zeug, Sie Popanz!“, keifte mich Bromme an. Er wirkte fetter und klobiger als je zuvor.
„Genau!“, stimmte ihm Schratmannsdörffer zu und kämmte sich die wenigen Haare, die auf seinem deformierten Kopf wuchsen. „Es geht um Leben und Tod, um Sünde und Verderbtheit!“
Aufgeschreckt kam Frau Gudrun herbei gehumpelt. Sie hatte eigentlich keine Zeit, da sie jene Bücher aufzulisten hatte, die heute in den städtischen Bach geworfen werden sollten. „Was ist geschehen?“, fragte sie zehnmal hintereinander.
„Sodomie und Gomorrah!” Bromme lehnte sich mit seinem Lebendgewicht von ca. 150 kg gegen einen Stahlträger, der bedrohlich zu knirschen begann. „Unsere Jugend wird verdorben, und Sie gehen hier ungerührt Ihrer Arbeit nach!“
„Ich bin Beamter“, rechtfertigte ich mich. „Wenn ich im Dienst die Bibliothek verlasse, komme ich zwangsläufig ins Gefängnis.“
„Das ist doch Mumpitz!“ Schratmannsdörffer versetzte mir einen brutalen Nasenheber. Er hatte meine kleine Notlüge also durchschaut.
„Schluss jetzt mit der Gefühlsduselei. Werfen Sie alle Leute raus, verriegeln Sie die Bücherei und kommen Sie mit!“, bellte Bromme mit seiner Bundeswehrstimme.
Er hat schon so manches PdiM-Mitglied und andere PISA-Trottel windelweich geklopft. Frau Gudrun und ich taten also, wie uns geheißen ward.
„Sie sollten mal an Ihr Vorstrafenregister denken, lieber Bromme!“, sagte ich anschließend vorwurfsvoll. Statt einer Antwort erhielt ich einen schmerzhaften Tritt in den verlängerten Rücken.
Wir hasteten ins Freie, und auf dem Weg klärten Bromme und Schratmannsdörffer uns über das Entsetzliche auf, das sie gesehen hatten: In der Nähe der Bibliothek befindet sich eine Hebammenschule und sie hatten beobachtet, dass dort – in diesen Minuten – ein Film über den Geburtsvorgang gezeigt wurde. Nun konnte ich die Aufregung nachvollziehen. Zeugung und Geburt … etwas Abscheulicheres kann man sich kaum vorstellen.
Es vergingen nur wenige Augenblicke, bis wir wutentbrannt in die Hebammenschule stürmten. Das fragliche Zimmer fanden wir schnell, denn das Fernsehgerät war auf volle Pulle gestellt, oben im ersten Stock. Bromme trat mit seinen Breitgaloschen wuchtig gegen die Tür, sie riss aus der Verankerung und krachte zu Boden. Die blutjungen Hebammenschülerinnen schrien entsetzt auf, als unsere Attacke begann. Frau Gudrun war mit meinem Zeigestock bewaffnet und schlug blindlings um sich. Bromme schwang bereits die Faust, blickte aber versehentlich auf den Fernsehmonitor, wo die Geburt im vollen Gange war. Er bekam einen Schock und plumpste wie ein nasser Sack zu Boden.
Schratmannsdörffer war ebenfalls durcheinander – er kämmte sich schon wieder seine wenigen Haare.
Ich war der Einzige, der die Nerven behielt. Ich rannte auf das Fernsehgerät zu, packte es und stürmte zum offenen Fenster. Leider verlor ich das Gleichgewicht und stürzte mitsamt dem Apparat in die Tiefe. Während der Fernseher auf dem harten Pflaster zu Bruch ging, landete ich in einem offenen Müllcontainer. Ich spürte den weichen, warmen Dreck, dann schwanden mir ob des Gestanks die Sinne. Als ich erwachte, lag ich auf einer Krankentrage und sah gerade noch, wie Bromme, Schratmannsdörffer und Frau Gudrun von der Polizei abgeführt wurden. Bromme hatte man eine Zwangsjacke angelegt – bei solchen Gelegenheiten wehrte er sich nämlich immer wie ein Berserker.

Frau Gudrun und ich wurden einige Wochen vom Dienst suspendiert, Schratmannsdörffer und Bromme saßen jeder für zwei Monate in der geschlossenen Psychiatrie fest, wieder einmal. Aber wir hatten die blutjungen Hebammenschülerinnen davor bewahrt, sich eine Geburtsszene ansehen zu müssen – und das war uns die Sache wert gewesen!

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