Der geile Bub

In der Abteilung „Wissenschaft“ der von Frau Gudrun und mir geleiteten Bibliothek saß vor einiger Zeit ein ungefähr neunjähriger Knabe und zeichnete beflissen Tabellen aus einem unsittlichen Fortpflanzungsbuch ab! Frau Gudrun und ich, ohne Absprache, sofort hin. Ich schlug dem Bengel mit meinem Zeigestock, den ich stets bei mir führe, auf die Finger und die unzüchtige Lektüre fiel ihm aus der Hand. Frau Gudrun, nicht faul, riss dem Kerlchen an Haaren und Ohren, bis es schrie. Ich, in selbstgerechter Rage, schlug weiterhin mit dem Stock zu. Schließlich blutete die Nase des Buben und er rannte laut brüllend aus der Bücherei. Dem hatten wir ein für allemal die geile Lektüre aus dem Sinn gebracht! Doch nun der heitere Moment: Kurze Zeit später erschien die Lehrerin des Knaben. Er habe von ihr, so die gute Frau, den Auftrag erhalten, die Mendelschen Vererbungs-Theorien abzuschreiben; nun sei er verletzt und weinend ins Klassenzimmer gestürmt. Wer ihn denn so geschlagen habe…? Frau Gudrun und ich, in hochanständiger Solidarität, meinten, wir wüssten von nichts und hätten auch nichts bemerkt. Ich drehte meine Daumen, blickte an die Decke und konnte mir ein klammheimliches Schmunzeln nicht verkneifen. Auch moralische Menschen können sich halt mal irren…

Die frivole Hebammenschule

Es war Freitagnachmittag, als Karl-August Bromme und Ferdinand Schratmannsdörffer mit klebrig verschwitzten Gesichtern in die Taunus-Bibliothek stürmten.
„Alle Bildbände über heitere Mosaikmuster und isländische Butterblumen sind verliehen!“, warf ich den beiden, die völlig außer Atem waren und in deren Mundwinkel milchige Speichelreste schimmerten, entgegen.
„Reden Sie kein dummes Zeug, Sie Popanz!“, keifte mich Bromme an. Er wirkte fetter und klobiger als je zuvor.
„Genau!“, stimmte ihm Schratmannsdörffer zu und kämmte sich die wenigen Haare, die auf seinem deformierten Kopf wuchsen. „Es geht um Leben und Tod, um Sünde und Verderbtheit!“
Aufgeschreckt kam Frau Gudrun herbei gehumpelt. Sie hatte eigentlich keine Zeit, da sie jene Bücher aufzulisten hatte, die heute in den städtischen Bach geworfen werden sollten. „Was ist geschehen?“, fragte sie zehnmal hintereinander.
„Sodomie und Gomorrah!” Bromme lehnte sich mit seinem Lebendgewicht von ca. 150 kg gegen einen Stahlträger, der bedrohlich zu knirschen begann. „Unsere Jugend wird verdorben, und Sie gehen hier ungerührt Ihrer Arbeit nach!“
„Ich bin Beamter“, rechtfertigte ich mich. „Wenn ich im Dienst die Bibliothek verlasse, komme ich zwangsläufig ins Gefängnis.“
„Das ist doch Mumpitz!“ Schratmannsdörffer versetzte mir einen brutalen Nasenheber. Er hatte meine kleine Notlüge also durchschaut.
„Schluss jetzt mit der Gefühlsduselei. Werfen Sie alle Leute raus, verriegeln Sie die Bücherei und kommen Sie mit!“, bellte Bromme mit seiner Bundeswehrstimme.
Er hat schon so manches PdiM-Mitglied und andere PISA-Trottel windelweich geklopft. Frau Gudrun und ich taten also, wie uns geheißen ward.
„Sie sollten mal an Ihr Vorstrafenregister denken, lieber Bromme!“, sagte ich anschließend vorwurfsvoll. Statt einer Antwort erhielt ich einen schmerzhaften Tritt in den verlängerten Rücken.
Wir hasteten ins Freie, und auf dem Weg klärten Bromme und Schratmannsdörffer uns über das Entsetzliche auf, das sie gesehen hatten: In der Nähe der Bibliothek befindet sich eine Hebammenschule und sie hatten beobachtet, dass dort – in diesen Minuten – ein Film über den Geburtsvorgang gezeigt wurde. Nun konnte ich die Aufregung nachvollziehen. Zeugung und Geburt … etwas Abscheulicheres kann man sich kaum vorstellen.
Es vergingen nur wenige Augenblicke, bis wir wutentbrannt in die Hebammenschule stürmten. Das fragliche Zimmer fanden wir schnell, denn das Fernsehgerät war auf volle Pulle gestellt, oben im ersten Stock. Bromme trat mit seinen Breitgaloschen wuchtig gegen die Tür, sie riss aus der Verankerung und krachte zu Boden. Die blutjungen Hebammenschülerinnen schrien entsetzt auf, als unsere Attacke begann. Frau Gudrun war mit meinem Zeigestock bewaffnet und schlug blindlings um sich. Bromme schwang bereits die Faust, blickte aber versehentlich auf den Fernsehmonitor, wo die Geburt im vollen Gange war. Er bekam einen Schock und plumpste wie ein nasser Sack zu Boden.
Schratmannsdörffer war ebenfalls durcheinander – er kämmte sich schon wieder seine wenigen Haare.
Ich war der Einzige, der die Nerven behielt. Ich rannte auf das Fernsehgerät zu, packte es und stürmte zum offenen Fenster. Leider verlor ich das Gleichgewicht und stürzte mitsamt dem Apparat in die Tiefe. Während der Fernseher auf dem harten Pflaster zu Bruch ging, landete ich in einem offenen Müllcontainer. Ich spürte den weichen, warmen Dreck, dann schwanden mir ob des Gestanks die Sinne. Als ich erwachte, lag ich auf einer Krankentrage und sah gerade noch, wie Bromme, Schratmannsdörffer und Frau Gudrun von der Polizei abgeführt wurden. Bromme hatte man eine Zwangsjacke angelegt – bei solchen Gelegenheiten wehrte er sich nämlich immer wie ein Berserker.

Frau Gudrun und ich wurden einige Wochen vom Dienst suspendiert, Schratmannsdörffer und Bromme saßen jeder für zwei Monate in der geschlossenen Psychiatrie fest, wieder einmal. Aber wir hatten die blutjungen Hebammenschülerinnen davor bewahrt, sich eine Geburtsszene ansehen zu müssen – und das war uns die Sache wert gewesen!

Die rotzfreche Waldorflehrerin

Vor einigen Monaten wurde in der Nähe unserer Bibliothek eine Waldorfschule namens „Fröhliche Sonnenblume“ eröffnet. Dies hätte mir im Grunde genommen egal sein können, wenn die versponnenen Lehrer und ihre entrückt ins Leere blickenden Schüler nicht ständig in unserer altehrwürdigen Bibliothek aufgetaucht wären. Neulich kam wieder eine Horde solcher Hanseln zu uns. Die Lehrerin (eine Fünfzigjährige im selbst gestrickten Blazer) steuerte direkt auf mich zu und sprach mich an, so als sei dies ihr gutes Recht:
„Wir suchen Kinderbücher mit Zwergen drinnen!“, sagte sie mit krächzender Stimme.
„Und?“, gab ich zurück. „Was geht mich das an?“
„Sind Sie der Bibliothekar oder nicht? Also raus mit der Sprache: Wo sind die Zwergen-Bücher?“
Nun wurde dieses Weibsbild also auch noch pampig!
„Sie wissen doch, was man über die Zwergenmützen sagt – es handelt sich um Phallussymbole“, belehrte ich die dreiste Vettel. „Selbstverständlich werfe ich derartige Machwerke regelmäßig in den städtischen Bach!“
Ihr Mund verzerrte sich zu einem hässlichen Trichter: „Ich glaube, mein Bester, Sie haben nicht alle Tassen im Schrank!“
Ohne mich weiter zu beachten stapfte sie an mir vorbei. Ich bekam noch mit, dass sie sich mit ihren Schülern, es waren wohl ein Dutzend an der Zahl, in die Abteilung „Kinder- und Jugendliteratur“ begab.
Dort setzte sich die Bande an die Lesetische und begann ungeniert damit, belegte Stullen sowie Flaschen, gefüllt mit Brotsaft und flüssiger Weizenkleie, hervorzukramen. Ich stürzte herbei, um das abartige Treiben zu unterbinden.
Bevor ich losschreien konnte, hielt die Lehrerin eine Flasche in den Händen. An ihre Schüler und Schülerinnen gewandt rief sie: „Wem sein Trinken ist das? Wem sein Trinken ist das?“
Diese Person war also nicht nur tolldreist, sondern auch sehr dumm.
„Richtig muss es heißen: ‚Wessen Getränk ist das?’“, korrigierte ich das sträflich verballhornte Deutsch.
„Schnauze, Alter!“, bekam ich zur Antwort.
Aus einem Reflex heraus schlug ich mit dem stets mitgeführten Zeigestock nach der Lehrerin. Doch sie wich dem Hieb geistesgegenwärtig aus und warf gleichzeitig ein belegtes Brot in meine Richtung. Eine abscheuliche Mischung aus Mayonnaise und Soja-Dauerwurst verunzierte mein Antlitz.
Bevor ich in selbstgerechte Rage geraten konnte, rannten sowohl Lehrerin als auch die Schüler aus der Bibliothek.
„Uns seht ihr hier so schnell nicht mehr!”, hörte ich die Saubande noch rufen.
Ich stieß einen lauten Triumphschrei aus! Nunmehr ist meine Bücherei nicht nur sexual-, sondern auch waldorffrei!

Der kriminelle Pornokonsument

Neulich sah ich einen neunzehnjährigen Knaben, der die Pornozeitschrift „Bravo“ las. Ich habe ihm das Schundblatt mit dem Zeigestock, den ich stets bei mir führe, aus der Hand geschlagen.
Als der Dreckbub dann noch frech wurde, holte ich hurtig meine Geldbörse aus meinem Blazer und warf sie auf den Boden. Dann rief ich: „Hilfe, ein Schurke! Überfall!“ Alsbald erschienen zwei behelmte Wachtmeister und nahmen den mutmaßlichen Taschendieb fest.
Durch meine List wird der Lustknabe zweifellos wieder auf den rechten Weg geführt. Das Pornoheft habe ich in den städtischen Bach geworfen.

Unschuldig im Zuchthaus!

Es war an einem schönen Sommertag, als ich mich auf meinen Drahtesel schwang, um ins Grüne zu radeln, wo ich farbenfrohe Blümchen zu pflücken gedachte. Frau Gudrun hatte mir eigens meinen jägergrünen Sonntags-Blazer aufgebügelt und auch dafür Sorge getragen, dass meine umbrellabraune Krawatte wunderschön anzusehen war. Ich wollte mich an diesem Tag von Büchereibesuchern und anderem Gesindel ablenken, wollte hochanständigen und zutiefst moralischen Gedanken frönen. So fuhr ich mit meinem Fahrrad die Taunus-Schnellstraße entlang, Richtung Oberrheingraben.
Ojemine, plötzlich wurde ich von einer Unbill heimgesucht! Die Reifen meiner Stützräder verloren drastisch an Luftdruck! Mit letzter Kraft erreichte ich eine Tankstelle, in der man vollautomatisch seine Reifen aufpusten konnte. Plötzlich hörte ich ein hässliches Auflachen: „Deinem Dreirad ist wohl die Luft ausgegangen, Opa?“
Ich blickte in das Gesicht eines Jugendlichen, der gerade sein Automobil auftankte – ein typisches Angebergefährt. Wenn es nach mir ginge, würden alle Kraftdroschken unverzüglich abgeschafft und durch Fiaker ersetzt werden. Ich schenkte dem Dreckbuben keinerlei Aufmerksamkeit, blies meine Fahrradreifen auf und begab mich in die Verkaufsräume der Tankstelle. Dort wollte ich die neueste Ausgabe der „Frankfurter Butterblumen-Rundschau” erwerben. Im Zeitschriftenständer entdeckte ich jedoch eine andere Postille, auf deren Deckblatt Grausiges zu sehen war:
Das Titelbild zeigte eine junge Dame, die – Sie werden es nicht glauben! – von der Halskrause bis unter den Bauchnabel unbekleidet war! Die Brüste (insgesamt zwei Stück) waren von ballonartiger Form und wurden von zipfelmützenförmigen, leuchtendroten Nippeln gekrönt.
Sie können sich vorstellen, dass der selbstgerechte Zorn umgehend Besitz von mir ergriff. Meinen stets mitgeführten Zeigestock hatte ich längst hervorgezogen, um das Schmähheft in tausend Stücke zu zerfetzen. Aus meinem Mund kamen unverständliche Worte und zähflüssige Batzen … Ich konnte mich nicht beruhigen und schlug zusätzlich Bierdosen sowie Gurkengläser von den Regalen. Irre Farbenspiele tanzten vor meinen Augen und ich registrierte noch, wie die Verkäuferin zum Telefon rannte. Der Lümmel, der mich draußen ausgelacht hatte, hielt mich plötzlich fest und trotz aller Gegenwehr kam ich nicht aus seiner Umklammerung frei. An die darauf folgenden Stunden kann ich mich nur verschwommen erinnern. Die Polizei kam, wohl um den jungen Mann und die Verkäuferin zu verhaften, nahm aber irrtümlicherweise mich mit.
So landete ich unschuldig im Zuchthaus! Zum Glück sind Zuchthäuser gar nicht so schlimm, wie ich annahm. Es sah wie in einem Krankenhaus aus, nur dass die Fenster vergittert und die Wände mit Gummipolstern versehen waren. Die Wärter trugen weiße Kittel, der Gefängnisdirektor überdies ein Stethoskop um den Hals. Ich bekam regelmäßig Vitaminspritzen und schlief die meiste Zeit über. Der Direktor wollte oft wissen, ob ich gelegentlich mit Hauswänden spreche oder Stimmen aus dem Weltraum höre. Jedenfalls war irgendwann von einem Gutachten die Rede, das positiv für mich ausgefallen sei. Vermutlich hatte die Polizei herausgefunden, welch grausiges Lichtbild mich in Rage versetzt hatte. Ich wurde freigelassen und am Gefängnistor von meinen Freunden Frau Gudrun und Karl-August Bromme in Empfang genommen. Die beiden meinten, ich solle mich nicht über das erlittene Unrecht aufregen: sie selbst hätten auch schon mehrfach in diesem Zuchthaus gesessen.

Razzia im Freudenhaus

Als ich neulich in aller Frühe schwungvoll aus meinem Himmelbett sprang, wusste ich: dies würde ein aufregender Tag werden – ein Tag voller Wahrhaftigkeit und Moral! Es war an der Zeit, der Sexualität einen entscheidenden Faustschlag in den verlotterten Unterleib zu verpassen! Nachdem ich meine zweistündige Morgenwäsche mit Kernseife und einer drahtigen Pferdebürste vollzogen hatte, hüpfte ich in meinen Kommunionsanzug (frisch gebügelt und mit Lavendelspray veredelt), um mich per Fernsprechgerät in der Bibliothek zu melden, wo ich eine plötzliche Erkrankung vortäuschte.
Ich bin Abonnent des „Taunus Anzeigers“, der mir jeden Morgen um fünf in den Briefkasten gesteckt wird. Einmal stellte der Verlag eine alte Frau ein, die es zweimal hintereinander wagte, die Zeitung zu spät einzuwerfen. Ich sorgte dafür, dass die Vettel entlassen wurde – jetzt lebt sie von der Wohlfahrt. Diese Information nur am Rande.
Im Taunus Anzeiger gibt es einen obszönen Anzeigenteil, in welchem Damen des leichten Gewerbes ihre frivolen Dienste feilbieten. Ich rufe die genannten Fernsprech-Nummern oft an, um die Dirnen auf den rechten Weg zu führen. Zum Dank wurde ich oft als „spießiger Saftarsch“ und „gehirnkranke Tunte“ bezeichnet, oder mit Begriffen, die zu schlimm sind, als das man sie hier erwähnen könnte.
Alles in mir schrie nach Rache!
Ich suchte die Adresse eines Etablissements (Frankfurt/M.) heraus und machte mich sofort auf den Weg.
„Lolos Handjob-Salon“ nannte sich der unmoralische Laden.
Eine fette Schlampe öffnete mir, bestimmt sechzig Jahre alt, die Lippen rot herausgeputzt, die Augenlider mit grüner Farbe beschmiert. Einfach widerlich! Ich betrat das düstere, verqualmte Wirtshaus und setzte mich an einen freien Tisch. Zwei weitere  „Gäste“ waren anwesend. Der Ober erschien, und ich bestellte einen alkoholfreien Schnaps.
Ich musste nicht lange warten, bis zwei junge Dirnen auftauchten, mich umgarnten und aufforderten, an einem Gängbäng inkl. Kamm-Schutt teilzunehmen.
Das war der Moment, auf den ich gewartet hatte! Ich sprang so heftig auf, dass mein Stuhl umkippte.
„HALT!“, brüllte ich. „Keiner bewegt sich von der Stelle. Sie alle sind der Kuppelei und der Zuhälterei überführt!“
Die Gäste, die Dirnen, die Puffmutter und der Ober lachten mich nur aus.
„Euch wird das dumme Gekichere noch vergehen!“, giftete ich. Hurtigen Schrittes erreichte ich den Tresen und damit das Fernsprechgerät. „Kommen Sie schnell in Lolos Handjob-Salon!“, rief ich, nachdem ich die Notrufnummer gewählt hatte. „Sonst geschieht ein Unglück!“
Triumphierend grinsend legte ich wieder auf.
Merkwürdigerweise machten die Anwesenden keine Fluchtversuche, so dass ich auf den Einsatz körperlicher Gewalt verzichten konnte.
Keine zehn Minuten später erschienen zwei Wachtmeister. Sie fragten, was denn los sei.
„Der spindeldürre Idiot ist durchgedreht, seine Rechnung hat er auch nicht bezahlt. 280 Euro!“, sagte Puffmutter Lolo und zeigte mit ihren Wurstfingern auf mich.
„Die Freudenhausbesitzerin spricht wirr“, stellte ich richtig. „Ich habe die Bagage in flagranti ertappt. Diese Damen hier …“ (ich deutete auf die leichten Mädchen) „… wollten mich zur Sexualität verführen.“
Die Polizisten nahmen meine Personalien auf, schoben mich recht unfreundlich ins Freie und meinten, ich würde vom Staatsanwalt hören.
Zufrieden ging ich heim. Vermutlich würden die Sexualtreibenden schon bald zu hohen Haftstrafen verurteilt werden – mein Glaube an das Gute im Menschen war unerschütterlich.
Umso mehr staunte ich, als ich einen Strafbefehl über 500 Euro erhielt und auch den Polizeieinsatz bezahlen musste (80 Euro). Letztendlich wurde ich sogar dazu verurteilt, 280 Euro auf das Puffkonto der Madame Lolo zu überweisen.
Bestürzt und verbittert stelle ich fest: Unser Staat fördert die Sexualität, statt sie mit aller Macht zu verhindern!

Das versaute Lexikon

Vor einigen Wochen ging unser Lexikon, angeschafft im Jahre 1901, vollends aus dem Leim. Selbst Frau Gudrun, bewaffnet mit Kleber und Tesafilm, konnte es nicht mehr retten. Dabei war es ein so wunderbares Buch gewesen, mit Federstrichzeichnungen vormongolischer Blumenvasen und byzantischer Mosaiksteinmuster, mit prägnanten Erklärungen in lateinischer und altgriechischer Sprache. Die Themen „menschliche Anatomie“ und – bitte entschuldigen Sie das obszöne Wort! – „Fortpflanzung“ waren gar nicht vorgekommen. Zudem hatten Frau Gudrun und ich schon vor Jahren einige unpassende Seiten herausgerissen, das machen wir bei allen Büchern so.

Zu den treuesten Besuchern unserer Bücherei gehört eine Gruppe Kommunionsanwärter aus dem benachbarten Pfarrhaus: drei Mädchen und vier Buben, allesamt brav und ehrlich, im Schnitt 9 Jahre alt. Sie kommen immer gemeinsam zu uns, stets hilfreich, stets ein Bibelwort auf den Lippen. Wie der Zufall es will, hörten die grundguten Kinder davon, dass unser Lexikon „den Geist aufgegeben“ hatte. Die sensiblen Kommunionsanwärter waren sehr traurig über diese Nachricht – einige hatten sogar Tränen in den Augen. Spontan boten sie an, Geld für ein neues Lexikon zu sammeln. Frau Gudrun und ich waren gerührt und nahmen dankbar an. Noch in der Bibliothek planten die Jungen und Mädchen alles ganz genau. Und in den nächsten Tagen nahmen sie allerlei mühselige Arbeiten an: Botengänge, Holzhacken, Rasenmähen, Getränkekisten schleppen, Umzüge durchführen, usw.

Trotz hoher Außentemperaturen rackerten sich die Kleinen bis zur Selbstaufgabe ab. Oft sah ich sie schwitzend durch die Straßen hasten, einen Auftrag ausführend oder nach neuer Arbeit suchend. Einer der Buben mähte meinen Rasen. Da ich einen verrosteten Rasenmäher ohne Motor besitze, dauerte die Arbeit in sengender Hitze mehr als eine Stunde. Ich ruhte auf meinem Liegestuhl, ein Glas eisgekühltes Mineralwasser in der Hand, und sah dem sich abmühenden Knaben wohlwollend zu. Als alles zu meiner Zufriedenheit erledigt war, drückte ich ihm 10 Cent in die Hand. Er schaute sehr überrascht (vermutlich erstaunt ob meiner Großzügigkeit) – dann ging er von dannen, um bei einer Nachbarin Unkraut zu jäten.
Zwei Wochen lang waren die Kommunionsanwärter unentwegt im Einsatz, bevor sie schließlich freudestrahlend in die Bibliothek stürmten. „Wir haben über 200 Euro zusammenbekommen!“, riefen sie in ihrer kindlichen Begeisterung. „Wir gehen jetzt ins Büchergeschäft und suchen ein schönes Lexikon aus!“
Kurz vor der Schließungszeit kamen die Kinder wieder in die Bibliothek und verkündeten stolz, dass sie einen fünfbändigen Prachtband bestellt hätten. Preis: 150 Euro. Die restlichen 50 Euro hatten sie der Heilsarmee gespendet. Sie baten uns, am nächsten Tag zusammen mit ihnen in das Geschäft zu gehen, um die Lexika abzuholen. Natürlich sagten wir zu. Und wie aus einer Ahnung heraus kamen wir noch vor den Kindern in den besagten Laden. Das fünfbändige Lexikon war eingetroffen und Frau Gudrun und ich blätterten sogleich darin. Unvermittelt schrie Frau Gudrun kurz und spitz auf. Sie wankte und hielt sich den Handrücken an die Stirn. Ich sprang ihr zur Seite.
„Schauen Sie nur, Herr Frommheld – verdrecksaute Bilder!“, keuchte sie, nachdem ich ihr etwas Riechsalz in die Nase gestopft hatte. Tatsächlich, in einem der Bände befand sich eine Fotografie von schier unfassbarer Perversität: Im Kapitel „Die Sexualität des Menschen“ waren ein Mann und eine Frau abgebildet – beide trugen nur Unterwäsche, waren also nackt!
„Sodomie und Gomorrah“, stieß ich erzürnt aus.
„Der Untergang des Abendlandes!“, stimmte Frau Gudrun mit zittriger Stimme zu. „Was sollen wir nur tun? Die Kinder haben das Lexikon doch schon bezahlt!“
Nun begann mein Gehirn wie ein Heimrechner zu arbeiten, gewitzt und spitzfindig heckte ich einen Plan aus. Als Frau Gudrun vom Ergebnis meiner Überlegungen hörte, kehrte die Farbe in ihr Gesicht zurück. Schließlich kamen die ahnungslosen Kommunionsanwärter in den Laden, sprangen freudig herbei und besahen sich die Bücher. Frau Gudrun und ich ließen uns nichts von unserer abscheulichen Entdeckung anmerken. Die Kinder nahmen die Bände an sich, und so machten wir uns alle auf den Weg zu unserer Bücherei.
Ich muss vorausschicken, dass durch unsere Stadt ein Bach fließt, und auf unserem Weg zur Bibliothek war eine steinerne Brücke zu passieren, die über dieses Gewässer führt.
„Macht eine Pause!“, rief ich den Kindern zu, als wir die Mitte der Brücke erreichten. „Legt die schweren Bücher auf das Brückengeländer!“ Die Kleinen taten wie ich ihnen geheißen hatte. Nun kam Frau Gudrun ins Spiel. Sie zeigte zum Himmel und rief aus: „Oh, schaut her! Da oben fliegt ein Klapperstorch!“
Unsere naiven Kommunionsanwärter hoben ihre Köpfe, um nach Meister Adebar Ausschau zu halten. Blitzgeschwind stieß ich alle fünf Bücher vom Geländer, sodass sie in den Bach fielen. Das Wasser war tief und floss schnell – die Bände rasten nur so davon.

Das restliche Geschehen tat mir im Herzen weh und ich mag es kaum erzählen, so groß war das Leid: Alle sieben Kommunionsanwärter fingen augenblicklich und lautstark zu weinen an. Die schluchzenden Kinder nahmen sich gegenseitig in die Arme, so verzweifelt waren sie. Ein beherzter Bub wollte den Büchern sogar hinterher springen. Frau Gudrun und ich mussten alle Kraft aufwenden, um ihn von diesem lebensgefährlichen Ansinnen abzuhalten. Wir verabschiedeten uns von den Kindern, die in ihrer Trauer jedoch nicht mehr ansprechbar waren. Als wir die Gören außer Sichtweite wähnten, mussten Frau Gudrun und ich lauthals loslachen – denn: Vor welchem Unheil hatten wir die Kommunionsanwärter bewahrt! Nicht auszudenken, was geschehen wäre, wenn dieses Lexikon, dieses pornografisch-perverse Machwerk, die unschuldigen Kinder „aufgeklärt“ hätte. Später einmal würden sie es uns danken!
Wenn die Kommunionsanwärter etwas wissen möchten, können sie ja Frau Gudrun oder mich fragen.
Allerdings sind sie seit dem Vorfall nicht mehr zu uns in die Bücherei gekommen. Merkwürdig.