Das versaute Lexikon

Altes Lexikon
Unser altes Lexikon war irgendwie wirklich nicht mehr zu retten …

Vor einigen Wochen ging unser Lexikon, angeschafft im Jahre 1901, vollends aus dem Leim. Selbst Frau Gudrun, bewaffnet mit Kleber und Tesafilm, konnte es nicht mehr retten. Dabei war es ein so wunderbares Buch gewesen, mit Federstrichzeichnungen vormongolischer Blumenvasen und byzantischer Mosaiksteinmuster, mit prägnanten Erklärungen in lateinischer und altgriechischer Sprache. Die Themen „menschliche Anatomie“ und – bitte entschuldigen Sie das obszöne Wort! – „Fortpflanzung“ kamen in dem Werk gar nicht vor. Trotzdem hatten Frau Gudrun und ich schon vor Jahren einige unpassende Seiten herausgerissen, das machen wir bei allen Büchern so.

Zu den treuesten Besuchern unserer Bücherei gehört eine Gruppe Kommunionsanwärter aus dem benachbarten Pfarrhaus: drei Mädchen und vier Buben, allesamt brav und ehrlich; im Schnitt 9 Jahre alt. Sie kommen immer gemeinsam zu uns, stets hilfreich, stets ein Bibelwort auf den Lippen.

Wie der Zufall es will, hörten die grundguten Kinder davon, dass unser Lexikon „den Geist aufgegeben“ hatte. Die sensiblen Kommunionsanwärter waren sehr traurig über diese Nachricht – einige hatten sogar Tränen in den Augen. Spontan boten sie an, Geld für ein neues Lexikon zu sammeln. Frau Gudrun und ich waren gerührt und nahmen dankbar an. Noch in der Bibliothek planten die Jungen und Mädchen alles ganz genau. Und in den nächsten Tagen nahmen sie allerlei mühselige Arbeiten an: Botengänge, Holzhacken, Rasenmähen, Getränkekisten schleppen, Umzüge durchführen, usw.

Trotz hoher Außentemperaturen rackerten sich die Kleinen bis zur Selbstaufgabe ab. Oft sah ich sie schwitzend durch die Straßen hasten, einen Auftrag ausführend oder nach neuer Arbeit suchend. Einer der Buben mähte meinen Rasen. Da ich einen verrosteten Rasenmäher ohne Motor besitze, dauerte die Arbeit in sengender Hitze mehr als eine Stunde. Ich ruhte auf meinem Liegestuhl, ein Glas eisgekühltes Mineralwasser in der Hand, und sah dem sich abmühenden Knaben wohlwollend zu. Als alles zu meiner Zufriedenheit erledigt war, drückte ich ihm 10 Cent in die Hand. Er schaute sehr überrascht (vermutlich erstaunt ob meiner Großzügigkeit) – dann ging er von dannen, um bei einer Nachbarin Unkraut zu jäten.

Rasenmäher mit Motor
Rasenmäher mit Motor sind ein überflüssiger Luxus!

Zwei Wochen lang waren die Kommunionsanwärter unentwegt im Einsatz, bevor sie schließlich freudestrahlend in die Bibliothek stürmten. „Wir haben über 200 Euro zusammenbekommen!“, riefen sie in ihrer kindlichen Begeisterung. „Wir gehen jetzt ins Büchergeschäft und suchen ein schönes Lexikon aus!“

Kurz vor der Schließungszeit kamen die Kinder wieder in die Bibliothek und verkündeten stolz, dass sie einen fünfbändigen Prachtband bestellt hätten. Preis: 150 Euro. Die restlichen 50 Euro hatten sie der Heilsarmee gespendet. Sie baten uns, am nächsten Tag zusammen mit ihnen in das Geschäft zu gehen, um das Werk abzuholen. Natürlich sagten wir zu. Und wie aus einer Ahnung heraus kamen wir noch vor den Kindern in den besagten Laden. Das fünfbändige Lexikon war eingetroffen, und Frau Gudrun und ich blätterten sogleich darin. Unvermittelt schrie Frau Gudrun kurz und spitz auf. Sie wankte und hielt sich den Handrücken an die Stirn. Ich sprang ihr zur Seite.

„Schauen Sie nur, Herr Frommheld – verdrecksaute Bilder!“, keuchte sie, nachdem ich ihr etwas Riechsalz in die Nase gestopft hatte. Tatsächlich, in einem der Bände befand sich eine Fotografie von schier unfassbarer Perversität: Im Kapitel „Die Sexualität des Menschen“ waren ein Mann und eine Frau abgebildet – beide trugen nur Unterwäsche, waren also nackt!

„Sodomie und Gomorrah“, stieß ich erzürnt aus. „Der Untergang des Abendlandes!“, stimmte Frau Gudrun mit zittriger Stimme zu. „Was sollen wir nur tun? Die Kinder haben das Lexikon doch schon bezahlt!“ Nun begann mein Gehirn wie ein Heimrechner zu arbeiten, gewitzt und spitzfindig heckte ich einen Plan aus. Als Frau Gudrun vom Ergebnis meiner Überlegungen hörte, kehrte die Farbe in ihr Gesicht zurück. Schließlich kamen die ahnungslosen Kommunionsanwärter in den Laden, sprangen freudig herbei und besahen sich die Bücher.

Frau Gudrun und ich ließen uns nichts von unserer abscheulichen Entdeckung anmerken. Die Kinder nahmen die Bände an sich, und so machten wir uns alle auf den Weg zu unserer Bücherei. Ich muss vorausschicken, dass durch unsere Stadt ein Bach fließt, und auf unserem Weg zur Bibliothek war eine steinerne Brücke zu passieren, die über dieses Gewässer führt.

„Macht eine Pause!“, rief ich den Kindern zu, als wir die Mitte der Brücke erreichten. „Legt die schweren Bücher auf das Brückengeländer!“ Die Kleinen taten wie ich ihnen geheißen hatte. Nun kam Frau Gudrun ins Spiel. Sie zeigte zum Himmel und rief aus: „Oh, schaut her! Da oben fliegt ein Klapperstorch!“

fliegender storch

Unsere naiven Kommunionsanwärter hoben ihre Köpfe, um nach Meister Adebar Ausschau zu halten. Blitzgeschwind stieß ich alle fünf Bücher vom Geländer, so dass sie in den Bach fielen. Das Wasser war tief und floss schnell – die Bände rasten nur so davon.

Das restliche Geschehen tat mir im Herzen weh und ich mag kaum davon erzählen, so groß war das Leid: Alle sieben Kommunionsanwärter fingen augenblicklich und lautstark zu weinen an. Die schluchzenden Kinder nahmen sich gegenseitig in die Arme, so verzweifelt waren sie. Ein beherzter Bub wollte den Büchern sogar hinterher springen. Frau Gudrun und ich mussten alle Kraft aufwenden, um ihn von diesem lebensgefährlichen Ansinnen abzuhalten. Wir verabschiedeten uns von den Kindern, die in ihrer Trauer jedoch nicht mehr ansprechbar waren.

Als wir die Gören außer Sichtweite wähnten, mussten Frau Gudrun und ich lauthals loslachen – denn: Vor welchem Unheil hatten wir die Kommunionsanwärter bewahrt! Nicht auszudenken, was geschehen wäre, wenn dieses Lexikon, dieses pornografisch-perverse Machwerk, die unschuldigen Kinder „aufgeklärt“ hätte. Später einmal würden sie es uns danken!

Wenn die Kommunionsanwärter etwas wissen möchten, können sie ja Frau Gudrun oder mich fragen. Allerdings sind sie seit dem Vorfall nicht mehr zu uns in die Bücherei gekommen. Merkwürdig.

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